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Arts / Entertainment | Entries: 29 | Views: 2757 | Modified: 8 months ago | | Add to My Feeds
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Joseph Beuys hat eine Menge Performance Art auf- oder durchgeführt, mit toten Hasen, Klavieren, Krankentragen, Kojoten und schließlich 7.000 Eichen. Für Cindy Sherman war es schon eine Performance, wenn sie sich für ihre berühmten Fotoserien “Bus Riders” (1976) und “Untitled Film Stills” (1977-1980, siehe nachfolgendes Video) verkleidete, schminkte und in Pose setzte.

Marina Abramović hält eine Performance 721 Stunden durch und fordert (vermutlich deshalb), dass Performancekunst als geistiges Werk über das Ende der Performance hinaus geschützt werden müsse …

Auch viele nicht ausdrücklich als Performancekünstler eingestufte Kunstschaffende machen immer wieder mit Performance-Aktionen von sich reden: Bruce Nauman stolziert 1968 in seinem “Walk with Contrapposto” durch einen schmalen Sperrholzgang, bevor er 1969 im “Performance Corridor” die Rezipienten mit genau dieser Handlung an Konzeptkunst teilnehmen lässt. Natias Peter Günther Rudolpho Neutert schreibt nicht nur Gedichte und Essays, sondern führt sich selbst auch immer wieder gerne als Ein-Mensch-Theater auf …

Alles Kunst, alles Performance, mit oder ohne “überflüssige Requisiten”, mit oder ohne erkennbaren Sinn, Performance Art setzt sehr gerne auf eine gesteigerte Leistung der Phantasie.

Phantasie hin und her, hier geht es um die Theorie der Kunst, also darum, was denn eigentlich Performance-Kunst ist und wie sie von den Kunstwissenschaftlern definiert wird:

Performance Kunst: Eine offizielle Definition

Die Kunstwissenschaftler haben sich lange Jahre mit der Performance Art beschäftigt (seit gut 50 Jahren, solange läuft die Entwicklung), und sie haben die Performancekunst erfolgreich definieren können:

Performance Art

Eine Performance wird eine situationsbezogene, handlungsbetonte und vergängliche (ephemere) künstlerische Darbietung eines Performers oder einer Performancegruppe genannt. Die Kunstform hinterfragt die Trennbarkeit von Künstler und Werk sowie die Warenform traditioneller Kunstwerke (Quelle: Wikipedia); in der kunstwissenschaftlichen Literatur finden sich natürlich noch sehr viele andere, kompliziertere und unkompliziertere Definitionen, aber hier lag der Fokus auf Allgemeinzugänglichkeit).

Also, was sagt uns die Definition, Stück für Stück:

1. Künstlerische Darbietung

Was das ist, wird nicht näher definiert; es kommt also darauf an, wer beurteilen darf, ob es sich um eine künstlerische Darbietung handelt. In einer freien demokratischen Gesellschaft mit Grundrechten, deren Leitbild die Autonomie des einzelnen Subjekts ist, liegt die Entscheidung darüber natürlich beim ausübenden Künstler selbst.

Wenn sich jemand hinstellt und verkündet, er würde jetzt eine künstlerische Darbietung aufführen, folgt eine künstlerische Darbietung.

Noch mehr Selbstverständlichkeiten zur der sich hieraus ergebenden “Ist-das-Kunst-oder-kann-das-weg”-Debatte (denen es nicht schadet, wenn sie fast ständig ins Gedächtnis der Allgemeinheit gerufen werden):

Was Kunst ist, bestimmt in einem freien Land der, der die Kunst macht.
Was ein Auto ist, bestimmt in einem freien Land der, der das Auto produziert.
Was Schokolade ist, bestimmt in einem freien Land der, der die Schokolade herstellt.

Da in einer freien Gesellschaft Menschen mit verschiedenen Geschmäckern leben, schmeckt nicht unbedingt jedem, was da als Schokolade herstellt wird. Die Schokolade mit Chili mögen zwar noch ziemlich viele Menschen, die Schokolade mit Meerrettich mag aber kaum mehr ein Mensch; Schokolade ist es immer noch.

Da in einer freien Gesellschaft Menschen mit unterschiedlicher Risikobereitschaft und Umweltverantwortung leben, hält nicht unbedingt jeder riesige schwere Dreckschleudern mit einer Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h für geeignete Stadtautos. Der hohe Sitz kann dem 1,70-m-großen Micky Mega zwar zu besserer Sicht auf den Fahrweg verhelfen, die Fahrer eines solchen Stinkenden Urtrieb-Vehicels wirken aber schon in ziemlich schwachsinniger Weise an Feinstaub-Verseuchung und Verstopfung unserer Städte mit; ein Auto ist es immer noch.

Da in einer freien Gesellschaft Menschen mit verschiedenen Meinungen leben, gefällt nicht unbedingt jedem jedes Kunstwerk. Wenn ein Performance-Künstler 7.000 Eichen pflanzt, verbessert das zwar die Luft, wenn er in einer Performance Nazi-Symbole einbezieht, könnte das aber schon die falschen Leute auf die falschen Ideen bringen; Kunst ist es immer noch.

Bis wohin?

Wenn der Chocolatier Meerrettich in die Schokolade gibt, bezeugt das seinen schlechten Geschmack, tut aber niemandem weh (nur im Herzen, wie man ein so wunderbares Produkt so verhunzen kann). Wenn er Botox in die Schokolade gibt, um mit dieser Antifalten-Schokolade Karriere zu machen, bezeugt das noch schlechteren Geschmack und perverse Dummheit des Chocolatiers, und das starke Gift Botulinumtoxin (nichts anderes ist Botox) kann richtig weh tun, bis hin zum Tod.

Wenn ein Autoproduzent Selten Umwelttoxische Verkehrshindernisse auf die Straße bringt, sterben nur möglicherweise Städter ein wenig früher, einfach nur weil das Auto vorbeifährt fällt niemand auf der Stelle um. In der Hand des von “The-Fast-and-the-Furious”-Filmen erzogenen, nicht sehr hoffnungsvollen Sprösslings von Bankdirektor Walkpaul wird der Suboptimale Urban-Verpester dann allerdings spätestens zum tödlichen Geschoss, das aktuell und sofort den Tod Unbeteiligter verursacht.

Wenn in einer Performance Hakenkreuz und Hitlergruß gezeigt werden, hat das auf jeden Fall Potenzial zu einer schlimmen Beleidigung, jemandem weh zu tun. Wenn ein Künstler ein wunderschönes Graffiti auf die Türmchen zwischen dem Jägerzaun sprüht, tut er tatsächlich jemandem weh, wenn auch nur der Seele und dem Eigentum der Bürger, die ohne heile Disney-Alpenlandschaft hinter Jägerzaun mit Türmchen nicht leben können – aber auch auf Disney-Alpenlandschaften bzw. unverletzte Seelen hat man in einem freien Land ein Recht.

Ob Schokolade, Auto, Kunst – freie Ausübung oder Produktion kann offensichtlich in Konflikt mit anderen unserer Gesellschaft wichtigen Positionen und Werten geraten. Wenn es um leichtere Konflikte geht, werden diese durch mediale Berichterstattung (“Heute im XY-Magazin: Die widerlichsten Schokoladen der Welt”) oder vor den Zivilgerichten geklärt (Grundstückseigentümer verklagt Künstler, weil neu gepflanzte Bäume ihm die Sicht versperren).

Die wirklich ernsthaften Konflikte sind in der Regel vom Gesetzgeber derart geregelt, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnimmt. Der nicht hoffnungsvolle Sprössling wandert ins Gefängnis, wenn er Unschuldige umfährt, der hoffnungsvolle Graffiti-Künstler wird mindestens dazu verurteilt, die fachkundige Entfernung des Graffitis von den Türmchen zu bezahlen; wegen der Nazi-Symbole in der Performance hat die Staatsanwaltschaft ermittelt und die Ermittlungen eingestellt, weil das Handeln in diesem Fall von der Kunstfreiheit gedeckt sei – vom hier agierenden Künstler Jonathan Meese ist lange und hinreichend bekannt, dass er Gegner jeglicher Ideologien und ganz bestimmt kein Nazi ist.

Aber Eines bleibt: Egal ob Medienschelte, Zivilgerichtsverfahren oder Gefängnis die Folge sind – Schokolade, Auto und Kunst bleiben in einem freien Land Schokolade, Auto und Kunst, weil die jeweils Handelnden das so definiert haben.

Wenn jemand anders definiert als der Handelnde, handelt es sich nicht mehr um ein freies Land, sondern um eine Diktatur; und da wir in einer solchen ganz bestimmt nie wieder leben möchten, dürfen Performance-Künstler bestimmen, wann eine Darbietung Performance-Kunst ist.

2. Eines Performers oder einer Performancegruppe

Erst einmal logisch ziemlich klar. Irgendeiner muss es ja machen, und der/die, der es macht/die es machen, ist eben der Performer oder die Performancegruppe.

Schwieriger kann es aber auch ziemlich schnell werden: Wenn der Pudel des Performers mitperformt, könnte es sich rein erkenntnistheoretisch um eine Performance des Performers mittels Pudel oder um eine Performance des Pudels handeln. Letzteres nur, wenn der Beurteilende der Meinung ist, Tiere hätten eine eigene Persönlichkeit und wären fähig zu künstlerischen Darbietungen.

Die Frage der eigenen Persönlichkeit von Tieren, und damit verbundenen eigenen Rechten von Tieren, vom Recht auf artgerechte Haltung mit Recht auf schmerz- und qualfreien Tod bis hin zum grundsätzlichen Recht auf Leben bzw. Zugeständnis eines eigenen Bewusstseins, der Fähigkeit zum selbstbestimmten Denken, ist gerade heftig in Diskussion.

Je mehr geforscht wird, und je näher die Zivilisation/das Lebensumfeld des Forschers bereits der Erkenntnis gekommen ist, dass der Mensch nicht der Nabel der Welt ist (wobei die westlichen Zivilisation in dieser Hinsicht ganz bestimmt nicht zu den fortschrittlichsten zählen), desto mehr wird diese Frage zugunsten der Tiere entschieden.

Wobei dann immer noch die grundsätzliche Unschärfe bleibt, dass der Beurteilende der Mensch ist. Und wann ein Tiere willentlich eine künstlerische Darbietung abliefert, mag dann schon überhaupt kein Forscher mehr entscheiden, obwohl die Pfleger sicher sind, dass sich Schimpanse Congo und Elefant Boon Mee (www.n-tv.de/wissen/Wenn-Tiere-malen-article5395041.html) beim Malen etwas gedacht haben.

Alles nicht so einfach zu definieren, wenn wir auch von Demonstrationen für die Kunstfreiheit von Pudeln noch ein Stück weit entfernt sind – was im Augenblick auch wieder nicht viel sagt, weil sich bei einigen zivilisierten Gesellschaften gerade im Zuge umwälzender Migrationsbewegungen ein mächtiger Rechtsruck andeutet und mehr Macht der entsprechenden Parteien erfahrungsgemäß dazu führt, dass Demonstrationen für jede Freiheit in weite Ferne rücken …

Außerdem: Sind dann auch Chiara Schimmerlos, Kevin Knödelsang, Pauline Presswurst und Ruben Rauswurf Performance-Künstler, und ihre dürftigen bis ärgerlichen Darbietungen bei einer Casting-Show im Fernsehen sind Kunst?

A. Ja, klar, haben wir doch schon geklärt, wer sagt, dass er Kunst macht, ist ein Künstler. Und überhaupt, “Jeder Mensch ist ein Künstler”, hat ja ausgerechnet der Performance-Künstler Joseph Beuys gesagt. Außerdem: Es ist doch gerade diesen als programmfüllende Witzfiguren eingesetzten Narzissmus-Lehrlingen dringend zu gönnen, dass sie sich nach Ausscheiden damit trösten können, wenigstens 5 Minuten Kunst vor Publikum gemacht zu haben (Sie haben doch schon die berühmten 15 Minuten Berühmtheit? Nein, nicht wirklich, mit solchen Auftritten klappt das nicht).

B. Nein. Das englische “performen” steht auch für “vornehmen” (einen chirurgischen Eingriff), “ausüben/wahrnehmen” (eine Funktion) und weitere völlig kunstfreie Tätigkeiten; man könnte manche selbst ernannte “Performer” durchaus fragen, ob sie eigentlich einen chirurgischen Eingriff am Gehör des Publikums vorhatten bzw. sich ihrer Funktion als Pausenclown bewusst waren.

Beuys hat auch nicht nur “Jeder Mensch ist ein Künstler” gesagt, sondern dieser so gerne zum Zitieren aus dem Zusammenhang gelöste Satz lautet vollständig:

“Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt […] Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.“

(www.kunstmarkt.com/pages/kue/kuenstler_portraitbericht.html?id=34000) – er wollte alle Künstler auffordern, die Probleme einer modernen Gesellschaft zu bewerten und sich an deren Lösung zu beteiligen, und keinesfalls alle Menschen auffordern, schlechte Kunst zu machen.

Andy Warhols Satz über die “15 Minuten Ruhm” wird ebenfalls gewöhnlich falsch zitiert: Mit dem Ausspruch “In the future everyone will be world-famous for 15 minutes” (“In Zukunft wird jedermann für 15 Minuten Weltruhm erlangen”) wollte Warhol gerade nicht zu “Berühmtheit für jeden, der diese beansprucht” aufrufen.

Sondern er wollte ganz im Gegenteil die Macht der Medien anerkennen, die schon zu seiner Zeit (das Zitat ist von 1968) an Stelle von Galeristen und Kuratoren, Kunstwissenschaftlern und der Künstlergemeinschaft selbst trotz oft eher zweifelhafter Kompetenz darüber entschieden, wem Ruhm zuzuschreiben sei. Das war auch der Grund dafür, warum Warhol seine Factory-Groupies (häufig selbst berufene Mitarbeiter in seiner “Kunst-Fabrik”) “Superstars” nannte – in Zukunft seien schlappe 15 Minuten die Zeit, die für den Ruhm übrig blieben, weil die Medien einfach zu viele “Stars produzierten”.

Suchen Sie es sich einfach aus, und ansonsten ist es wie üblich dann eben doch nicht ganz so einfach:

Ob eine Performance unbedingt von einem (ihrem) Performer aufgeführt werden muss, ist einer der ganz großen Streitpunkte der Performancekunst.

Seit Performance-Künstlerin Marina Abramović legendäre Performances früherer Performance-Künstler wiederaufgeführt hat und in Folge dieser Wieder-Aufführungen den Anspruch formuliert hat, dass eine Performance unabhängig von ihrem Performer einen künstlerischen Wert hat, wankt die zeitliche und persönliche Gebundenheit eines Kunstwerks der Performance Art, die Diskussion ist noch nicht entschieden.

3. Situationsbezogen

Definition Situation?

Laut www.duden.de/rechtschreibung/Situation umfasst die Situation die Verhältnisse/Umstände, in denen sich jemand augenblicklich befindet, also die augenblickliche Lage eines Menschen; oder die Verhältnisse/Umstände, die einen allgemeinen Zustand kennzeichnen, also die allgemeine Lage.

Hä? Situationsbezogen handelt der Künstler einer Performance-Aufführung, wenn er bezogen auf die Lage handelt, in der er sich befindet, oder bezogen auf die Lage, in der sich die Welt befindet?

Wie soll er anders handeln? Selbst wenn der Künstler ankündigt, abgehoben von sich selbst und fern von dieser Welt zu handeln – befindet er sich immer noch in seinem Körper und in dieser Welt, der Fakir wie der Trance-Künstler.

Also: Situationsbezogen ist eine Performance immer, wenn sie auf dieser Welt stattfindet; und daran ändert auch die längere Definition in de.wikipedia.org/wiki/Situation scheinbar erst einmal nichts, nach der eine Situation eine Lage oder Position bezeichnet, die Gebundenheit an Gegebenheiten oder Umstände, aber auch die Beschaffenheit und zugleich Wirksamkeit einer psychologisch (rein geistig) definierten Region oder eines Gebiets.

Tatsächlich ändert diese Definition natürlich alles, weil die Performance damit nicht mehr auf die reale Situation bezogen sein muss, in der sich Künstler und Welt befinden, sondern auf die Situation, die der Künstler sich denkt. Was für den Kunstbetrachter allerdings nicht viel ändert, die Frage: “Was hat sich der Künstler dabei gedacht?” ist so alt wie die Kunst der Welt.

Schwierig zu beantworten ist dann noch die Frage, wie und ob sich eine Situationsphobie, also eine krankhafte Angst in bestimmten Situationen, auf das Vorliegen der Definitionsmerkmale einer Performance auswirken kann (ist es noch eine Performance, wenn der Künstler zwischendurch – oder sogar vor Beginn – wegrennt, weil ein paar Gesichter im Publikum ihn ärgern/anöden, usw.).

4. Handlungsbetont

Eben: Ist es überhaupt eine Performance, wenn der Künstler in einer Situation nicht handelt, sondern still dasitzt wie Marina Abramović im ihrer Performance “512 Hours” (2014, Serpentine Galleries, London)?

Wahrscheinlich schon, logisch korrespondiert diese Frage auch schon mit dem Punkt “künstlerische Darbietung”. Die anerkanntermaßen auch durch Inaktivität stattfinden kann, hier gilt ein ähnlicher Handlungsbegriff wie im Strafrecht, indem man sich durch Tun, unter gewissen Voraussetzungen aber auch durch Unterlassen strafbar machen (bzw. künstlerisch betätigen) kann.

Genau diese Voraussetzungen bringen die Handlung ins Spiel, im Strafrecht manchmal in der “umgekehrten Form” einer Handlungspflicht wie bei der “Unterlassene Hilfeleistung” oder in Form einer vorgezogenen Handlung, wenn sich z. B. jemand absichtlich betrinkt, um den Mut zum unflätigen Herumstänkern, Zündeln, Zuschlagen oder Zustechen aufzubringen (Beleidigung, Brandstiftung, Körperverletzung, Totschlag, Mord).

In der Kunst ist das nicht viel anders, Marina Abramović ließ ihre 512 Stunden still sitzen nach gewissen Vorbereitungen in einem gewissen Umfeld stattfinden; wenn sie 512 Stunden bewusstlos herumgelegen hätte oder durch Kitzeln zum Reflex “Kichern” bewegt worden wäre, hätte das kaum jemand als Kunst eingeordnet, sondern es würde sich eher die Frage nach der Strafbarkeit derer stellen, die es unterlassen haben, einen Krankenwagen zu rufen oder den Kitzelnden am Kitzeln zu hindern.

5. Vergänglich (ephemer)

Wieder erst einmal klar: Auch wenn 30-Stunden-Performances wie die Live-Performance “the long now” und 168-Stunden-Performances wie “Approximations” heute keinen mehr erstaunen oder 8760-Stunden-Performances wie “Das Leben im Schaukasten” auch schon vor ein paar Jahrzehnten stattfanden – die Sache (Performance) hat irgendwann ein Ende, auch wenn ein Künstler sein Leben zur Langzeit-Performance umdefiniert, dann hat die Sache eben ein Ende, wenn der Künstler ein Ende hat. Aber lang ist in, viele Performance-Künstler machen es nicht unter dreistelligen Stunden-Kontingenten; und schön lang wird die Performance auch, wenn man einfach die ganze Ausstellung zur Langzeit-Performance erklärt wie DADO.

Andererseits wird durch alle diese Performances schon die Definition gesprengt, wenn ephemer gleichberechtigt neben dem “vergänglich” steht: Das Sammlerobjekt Ephemeron (aus dem Griechischen) wird genau dadurch zum Sammlerobjekt, dass es nur für einen einmaligen und sehr kurzen Gebrauch bestimmt ist; die Eintagsfliege aus der Gattung der Ephemera dadurch, dass sie nur einen Tag lebt (und die norwegische Frauen-Popband Ephemera hat sich diesen Namen wohl in übertriebenem Pessimismus gegeben, von 1996 bis 2004 gab es sie sicher, laut ihrer Website “Ephemera is here to stay”).

Außerdem: Wenn ein Performance-Künstler die Performances anderer Künstler wiederaufführen darf bzw. tatsächlich wieder aufführt (auch der Urheberrechts-Inhaber kann das niemals an allen Orten der Welt verhindern, sondern höchstens im Nachhinein Schadensersatz fordern), wird das Ende einer Performance zur bloßen Unterbrechung und die Performance vom Ephemeron zum “Aeternicon”, zur ewigen Kunst.

Genau diese Diskussion hat die schon unter 2. erwähnte Marina Abramović ja angestoßen, als sie 2005 im Solomon R. Guggenheim Museum New York, die “Seven Easy Pieces” mit Wiederaufführung längst vergangener Performances inszenierte. Sie plant auch, in ihrem neu gegründeten “Marina Abramović Institute” (MAI) neben Entwicklung neuer Performance-Kunst ein “lebendes Archiv” historischer Performances durch Wiederaufführungen zu schaffen.

6. Kunstform hinterfragt die Trennbarkeit von Künstler und Werk

siehe oben 2. und 5., heute nicht mehr zwingend verneint

Wenn allerdings die “eiserne Grundregel” fällt, dass eine Performance an die Person des Performers/der Performer gebunden und nicht wiederholbar ist, könnte eine Performance mit Wiederholbarkeit und Wiederaufführung bis ins Stadium der Beliebigkeit “absinken”. Denn dann wäre auch nicht mehr zwingend, dass die Wiederaufführung von einen Performance-Künstler durchgeführt werden muss.

Simone Fortis “Huddle” von 1961, der bahnbrechende Tanz für die Entwicklung der Performance Art und der möglicherweise halsbrechende Tanz für die Teilnehmer dieses Kuschelhaufens, anstatt langweiliger Büro-Gymnastik? Warum nicht, ein paar New Yorker haben 2012 auf der High Line schon mal geprobt, wie das aussah, können Sie sich hier ansehen:

7. Kunstform hinterfragt die Warenform traditioneller Kunstwerke

“Hinterfragt” ist lange her und inzwischen entschieden: Kunst muss sich nicht mehr in einem Gegenstand manifestieren, seit die ersten Performer in den 1960er Jahren anfingen zu performen und die ersten Konzeptkünstler zur etwa gleichen Zeit das reine Konzept zur Kunst erklärten.

Eigentlich sogar noch viel früher, als die ersten Dadaisten 1916 die ersten Lautgedichte in ganz besonderen Kostümen vortrugen, die für die Aufführungen erdachten Verkleidungen und die verzapften lautmalerischen Köstlichkeiten waren mit Sicherheit nicht als Handelswaren geeignet, selbst wenn jemand auf eine solche Idee gekommen wäre.

So sah das aus: Die Beine in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der schlank bis zur Hüfte reichte, sodass der Träger wie ein Obelisk aussah. Darüber ein riesiger Mantelkragen, innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse so zusammengehalten war, dass er durch Heben und Senken der Ellenbogen flügelartig bewegt werden konnte. Dazu einen zylinderartigen hohen weiß-blau gestreiften Schamanenhut.

Und so hörte sich das in etwa an:

jolifanto bambla o falli bambla
grossiga m’pfa habla horem
egiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
blago bung
bosso fataka
ü üü ü
schampa wulla wussa olobo
hej tatta gorem
eschige Zunbada
wulubu ssubudu uluw ssubudu
tumba ba- umf
kusagauma
ba – umf

Das Bild zeigt das Gedicht Karawane von Hugo Ball († 1927).

Das Bild zeigt das Gedicht Karawane von Hugo Ball († 1927).
Quelle: Dada Almanach. Berlin: Erich Reiss Verlag, 1920, S. 53

(Karawane, von Hugo Ball 1917, eines der wenigen aufgezeichneten Lautgedichte)

Wann ist Abwaschen nun Performance-Kunst und wann ist es Abwaschen?

Geht man nach den gerade einzeln betrachteten Merkmalen der gängigsten Definition von Performance Kunst, hat Abwaschen “gute Chancen auf Kunstwerk”.

Abwaschen ist situationsbezogen: Dass der Mensch mit dem riesigen Berg dreckigem Geschirr vor der Nase die Verhältnisse/Umstände, in denen er sich augenblicklich befindet (die Situation) begrüßt, wird in der Definition nicht gefordert. Dieser Mensch handelt situationsbezogen, hoffentlich, sonst fängt das Geschirr an zu stinken (könnte dann immer noch eine Performance werden, aber nur mit einigem Brimborium, nicht durch einfach nur stinken lassen).

Abwaschen ist handlungsbetont, wieder hoffentlich, das Geschirr wird nicht von selbst sauber und der Mensch hat danach noch einiges zu tun.

Abwaschen ist vergänglich, weil das saubere Geschirr nicht mehr das dreckige Geschirr ist. Und Abwaschen ist ephemer, weil niemand es auch mit noch so viel Mühe schaffen wird, genau das gleiche dreckige Geschirr zu genau dem gleichen riesigen Berg rund um die Spüle aufzustapeln.

Abwaschen hinterfragt regelmäßig die Trennbarkeit von Künstler und Werk; immer von dem aus, der gerade ausgewählt wurde, um den Abwasch zu erledigen, und keine Lust dazu hat.

Und Abwaschen hinterfragt die Warenform, weil es diesem Menschen zu seinem Bedauern noch nie gelungen ist, den Abwasch weiterzuverkaufen.

Der Abwasch hinterfragt allerdings noch nicht die Warenform eines traditionellen Kunstwerks, zu dem wird er ja erst, wenn die letzten zwei Merkmale der Definition erfüllt sind: Abwaschen als künstlerische Darbietung eines Performers oder einer Performancegruppe.

Da aber, wie oben dargelegt wurde, Performer oder Performancegruppe selbst bestimmen, dass und was sie performen, gehört es zu den leichteren Aufgaben dieser Welt, den Abwasch als Performance-Künstler anzugehen und aus dem Abwaschen eine künstlerische Darbietung zu machen …

Nutzt wissenschaftlich nichts, nur gut fürs selbstbestimmte Denken

Wenn Sie jetzt glauben, mit den Merkmalen der gängigsten Definition die Performance-Kunst im Griff zu haben und fröhlich darangehen, jede Alltagstätigkeit in Kunst zu verwandeln – könnte das Leben mehr Spaß machen, aber ein anerkannter Künstler werden Sie dadurch nicht unbedingt werden.

Die ganze Definition der Performance-Kunst oben hat nämlich vergessen zu erwähnen, dass eine Kunst-Darbietung immer darauf angewiesen ist, dass die Kunstbetrachter der jeweiligen Definition der Kunst zustimmen und folgen. Beim Abwasch könnte es Ihnen schon an den Kunstbetrachtern fehlen. Wobei die Darbietung wohl auch Kunst bleiben müsste, wenn niemand zum Zusehen kommt, es müsste Ihnen grundsätzlich freistehen, von jetzt ab jeden Abwasch für sich als Performance-Kunst zu feiern.

Wenn Betrachter zugegen sind, könnte es Ihnen passieren, dass diese nicht Ihre Kunstausübung bewundern, sondern sich ohne jeden Gedanken an Kunst darüber freuen, dass Sie schon wieder den Abwasch übernommen haben … Das ist dann eine situative Dissonanz: Sie “machen Kunst”, und der Rest der Mannschaft trinkt Wein und “macht Freizeit” und ist froh, wieder den gleichen Doofen für den Abwasch gefunden zu haben.

Nicht weniger Dissonanz könnten Sie verspüren, wenn Sie mit Kunstwissenschaftlern über die Definition der Performance-Kunst sprechen. Wenn ein Kunstwissenschaftler z. B. schreibt: “Performance-Kunst liegt immer vor, wenn ein Künstler vor Zuschauern handelt und sagt, dass es sich bei diesen Handlungen um Kunst handelt, egal wie häufig er die Aufführung wiederholt”, können Sie dem zustimmen oder eine gegenteilige bzw. andere Meinung einnehmen (die der Kunstwissenschaftler allerdings kaum ernst nehmen wird, wenn sie von einem Nicht-Kunstwissenschaftler kommt).

Kann er auch nicht, er hat schon genug mit anderen Kunstwissenschaftlern zu tun: Experten für Konzeptkunst melden sich und wenden ein, dass diese Definition ganz klar Kunstwerke der Konzeptkunst ergebe, Theaterwissenschaftler sehen ein Theaterstück definiert, womit sie auch recht haben, wenn in der Performance Art ein künstlerisches Ereignis nie in gleicher Weise wiederholt werden darf (wogegen die Anhänger der Wiederaufführbarkeit und der Performance für die Ewigkeit viel zu sagen haben).

Die Definition der Performance-Kunst kann mit der Definition von Body-Art, Happening und Fluxus kollidieren, es gibt Überschneidungen mit Aktionskunst und Neo-Dadaismus; die sich aber dringend abgrenzen wollen, auch wenn manche ihrer Live-Art-Aufführungen, Action-Art-Spektakel, Interventionen oder Manoeuvre eine enge Definition von Performance Art erfüllen.

Der Kunstwissenschaftler schreibt deshalb auch nicht einfach “Performance-Kunst liegt vor, wenn …”, sondern widmet sich der Eingrenzung der Performance-Kunst auf einigen Hundert Seiten, z. B. in den Werken:

  • Marvin Carlson: Performance: A Critical Introduction. Routledge, London / New York 1996, ISBN 0-415-13703-9, 288 Seiten
  • Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-12373-4, 300 Seiten

Es gibt also viele Definitionen von Performance Art – nur keine definitive (www.zeit.de/2012/11/Ausstellung-ZKM-Karlsruhe/seite-2); in diesem Sinne viel Spaß mit Ihrer nächsten – aktiven oder passiven – Performance.

Die oben exerzierte Stück für Stück-Betrachtung einer der Definitionen der Performance Art könnte Ihnen aber ganz andere Anregungen mitgeben: Sie dürfen selber denken, immer, können jede wissenschaftliche Definition in ihre Einzelteile zerlegen und hinterfragen.

In der Kunst und in anderen Lebensbereichen, in denen Ihnen jemand vormachen will, man müsse etwas so und so machen, weil die aktuell geltende wissenschaftliche Definition ja gar keine anderen Möglichkeiten offen lasse …

Und falls Sie sich gerade im Geiste über das konkretisierende Beispiel Abwasch lustig gemacht haben, weil heutzutage jeder einen Geschirrspüler besitzt, könnten Sie vielleicht generell ihre Einstellung zur Konsumwelt hinterfragen.

Denn es gibt eigentlich keinen Grund, sich den meist ohnehin begrenzten Wohnraum mit einem großen Gerät vollzustellen, dass unter Einsatz aggressiver Chemie (haben Sie schon einmal an Ihren Geschirrspülmaschinen-Tabs gerochen?) und nicht unerheblichem Energieeinsatz (v.a. für Intensiv-Spülgange, um die stinkende, über Tage wachsende Sammlung wirklich sauber zu kriegen) ohne dieses Gerät schneller zu erledigende (der Geschirrspüler muss eingeräumt werden) Alltagsarbeiten durchführt – während der ganz normale Abwasch im kleineren Haushalt ohne jedes Kunst- oder sonstiges Problem mit Wasser und wenig aggressiven Spülmitteln von Hand zu erledigen ist (95 % erledigt Einweichen).

Falls Ihnen gerade nicht so nach dem Thema Geschirr ist: Viele Artikel im Kunstplaza-Blog regen zum selbst Denken und/oder zum selbst kreativ werden an.

Der Beitrag Art-o-Gramm: Was ist eigentlich Performance Art? erschien zuerst auf Kunstplaza.



Weitere tolle Infos zu diesem Thema gibt es hier:
http://www.kunstplaza.de/kunstlexikon/art-o-gramm-was-ist-eigentlich-performance-art/

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